Vortrag von Heide-Marie Härtel
Tanz mit Haltung: Vom politischen Körper zur Inszenierung der Macht
Als Heide-Marie Härtel Ende der 1960er-Jahre in Köln Johann Kresniks „Paradies?“ über das Attentat auf Rudi Dutschke sieht, verändert sich ihr Blick auf Tanz. Geprägt von klassischer Ausbildung und „Schwanensee“, erlebt sie plötzlich eine Kunstform, die sich unmittelbar in politische Wirklichkeit einmischt.
Wenig später folgt Härtel Kresnik nach Bremen und wird Mitglied seines Ensembles am Theater Bremen. Nur rund 15 Kilometer vom Haus Coburg in Delmenhorst entfernt liegt das Theater am Goetheplatz – einer der entscheidenden Ausgangspunkte jener Erneuerung des Tanzes, die sich später auch in Wuppertal mit Pina Bausch fortsetzte. Johann Kresnik, später Reinhild Hoffmann und Susanne Linke, machten Bremen über Jahrzehnte zum wichtigsten Zentrum des deutschen Tanztheaters.
Doch politischer Tanz beginnt früher. Härtel verfolgt dessen Spuren im Filmvortrag zu Jean Weidt, dem „roten Tänzer“ der 1920er-Jahre und zu Kurt Jooss’ Antikriegsballett „Der Grüne Tisch“ von 1932. Zugleich zeigt sie, wie Vorstellungen von Körper, Gemeinschaft und Bewegung des Ausdruckstanzes vom Nationalsozialismus vereinnahmt werden konnten. Die im Vortrag gezeigten Filmausschnitte führen bis zu den Masseninszenierungen der Olympischen Spiele 1936. Nach 1945 dominierte zunächst das klassische Ballett, bevor eine neue Generation von Künstler:innen gesellschaftliche Wirklichkeit wieder auf die Bühne brachte. Der Vortrag reicht bis in die Gegenwart und fragt, wie aus dem Traum eines politisch wirksamen choreografischen Theaters auch eine Inszenierung von Macht werden kann – bis hin zu Donald Trump.
Aus Härtels Frage, was von der vergänglichen Kunstform Tanz bleibt, entstand Ende der 1980er-Jahre das Deutsche Tanzfilminstitut Bremen, welches Heide-Marie Härtel weiterhin leitet. Heute verfügt das Institut über die größte audiovisuelle Tanzsammlung Europas und bewahrt damit auch eine Geschichte, die in Bremen entscheidend mitgeschrieben wurde.